Hallo zusammen 🙂 Wie ich euch bereits in einem vorherigen Artikel erzählt habe (und zwar hier: Warum ich kein Schreibseminar mehr besuchen möchte) war ich an einem regnerischen und gewittrigen Wochenende in einer Schreibwerkstatt des Autorenforums Köln.

Die Schreibwerkstatt war interessant und hat einige schöne Kurztexte hervorgerufen, die ich euch direkt hier hochladen werde, sie hat mich aber überzeugt, an keiner weiteren Schreibwerkstatt mehr teilzunehmen. Zumindest vorerst nicht… Ich will euch die kurzen Texte dennoch nicht vorenthalten.

Auch hier mit zwei Hinweisen:

  1. Die Texte sind roh und unkorrigiert, so, wie sie in der Werkstatt entstanden sind. Ich möchte hier meinen kreativen Prozess wiedergeben und nicht lupenreine Texte hochladen 😉
  2. Alle Bilder (inkl. Beitragsbild) sind meine eigenen. Ich habe sie selbst auf meinen Reisen geschossen – heißt im Grunde, alle Rechte vorbehalten *hehe* Die Bilder sind nur da, um den Text aufzulockern und haben sonst keine versteckte Bedeutung.

Und jetzt los geht’s!

Übung 1 – Idee nach einem Bild

Hinweis: leider kann ich euch das Bild nicht hochladen (weil ich die Rechte dazu nicht habe), aber vielleicht entsteht ein Bild in euren Köpfen – nach dem Text. Sagt es mir gerne, wenn es so ist…

Ich bin ein ganz normaler Junge. Ich gehe zu Schule und schreibe gute Noten. Ich spiele Fußball und habe eine Freundin. Meistens bin ich höflich, freundlich und hilfsbereit. Meine Eltern sind stolz auf mich, meine kleine Schwester vergöttert mich, als ihren Helden. Meine Freundin liebt mich und meine Großmutter könnte nicht begeisterter sein von ihrem lieben Neffen.

Nur mein Großvater – aber lassen wir das.

Täuschen sie sich? Ich weiß es nicht. Denn wenn ich abends manchmal in meinem Zimmer sitze, Hausaufgaben mache oder einfach nur zocke, grinst mir aus dem Spiegel über meinem Schreibtisch diese Fratze entgegen. Sie ist ich – oder ich bin sie. Aber ich – sie – es – ist verzerrt, blass, ein starrer Blick, Haare wild und zerzaust, wie nach einem Sturm. Ein Sturm der Seele.

Es gibt nichts gutes in dieser Fratze. Sie starrt mich an mit finsteren Augen – meine Augen – und grinst ein teuflisches Grinsen. Erst hatte ich Angst vor diesem verzerrten Bild von mir und wollte den Spiegel wegtun, abdecken, einschlagen, irgendwas. Doch konnte ich nicht. Ich fühlte mich angezogen von diesem Bild von mir, mit den dunklen aufgerissenen Augen. Ich mochte es mehr und mehr. Eines Tages zeichnete ich mein Spiegelbild auf ein Blatt Papier. Ich starrte es lange an, so, wie ich mein Spiegelbild anstarre.

Der Gedanke sickerte langsam ein, floss durch meine Venen wie kleine Tropfen Gift, die sich ihren Weg suchten. Das – im Spiegel und auf Papier – das war ich.

Übung 2 – Der erste Satz musste „Glaubst du an Schicksal“ sein

„Glaubst du an Schicksal?“ Die Stimme am Telefon klang bedeutungsschwer. Tom rollte genervt die Augen und legte einfach auf. Für Telefonstreiche, Phishing-Versuche, Werbeanrufe oder Umfragen hatte er keine Geduld.

Es vergingen drei Wochen, bevor das Festnetz wieder klingelte. „Glaubst du an Schicksal?“ Wieder die tiefe, bedeutungsschwere Stimme. Wieder war Tom genervt. Wieder legte er auf.

Dieses Mal dauerte es drei Monate, bis das Festnetz klingelte. Tom zögerte. Er wusste nicht einmal, warum er dieses uralte Gerät, das sich Festnetztelefon nannte, überhaupt noch besaß. Niemand rief heutzutage über das Festnetz an. Nicht einmal seine Eltern. Tom war sicher, dass er, wenn er den Anruf entgegennahm, erneut die mittlerweile vertraute Stimme hören würde.

Das Telefon klingelte und klingelte. Tom hob endlich ab.

„Glaubst du an Schicksal?“ Jaha! Tom klopfte sich stolz innerlich auf die Schulter.

„Nein.“ Sagte er dieses Mal, bevor er auflegte.

Wochen vergingen, Monate gingen ins Land. Immer wieder dachte Tom daran, das alte Festnetz endlich einzumotten. Zögerte. Wusste selbst nicht warum. Er hatte da so ein Gefühl.

Drei Jahre später…

Übung 3 – Die Cluster-Technik

(ach was… Die Cluster-Übung hatte ich wirklich in jeder Schreibwerkstatt 😉 Übrigens – dieser Kurztext ist aus meinem echten Leben inspiriert)

Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Die Natur gegen den Menschen. Die Gesetze der Physik gegen die Elemente. Das Flugzeug wurde von den kräftigen Winden hin und her geschaukelt, wie eine Nussschale auf offener See.

Wir hörten den Donner um uns herum, den prasselnden Regen, der von überall kam. Wir hörten den Sturm, wie er an der dünnen Aluminiumhaut der Maschine zerrte und riss und wie sich die kräftigen Triebwerke entschlossen dagegen stemmten.

Ein Kampf. Ein Kampf auf Leben und Tod.

Dann sackte das Flugzeug ab. Es stürzte unkontrolliert in die Tiefe, das Heck voraus. Die Triebwerke heuten gequält auf. Sie hatten den Kampf verloren und wussten es. Die erbarmungslose Kraft der Gravitation drückte uns mit Wucht gegen die Sitze.

Ich empfand eine bemerkenswerte Ruhe. Ich hatte zunächst still gehofft, mit schweißnassen Händen, tränenden Augen und flatternden Herzen. Mit jedem Atemzug hatte ich versucht, dem kämpfenden Flugzeug meine Kraft zu geben. Etwas von mir. Innere Energie? Innere Ruhe? Egal was! Irgendwas! Aber jetzt? Jetzt war ich ruhig, während der Mensch mit seinen wunderbaren Maschinen wieder einmal den Kampf gegen die Natur verlor.

Dann rumste es! Mit einer unvorstellbaren Wucht. Ich spürte den Schlag bis in die Schädeldecke. Es krachte! Knirschte! Zischte!

„Meine Damen und Herren, willkommen in Dublin“, ertönte eine dermaßen ruhige Stimme aus den Lautsprechern, dass ich wütend wurde. „Wir entschuldigen uns für den unangenehmen Landeanflug, bedanken uns für Ihre Reise mit Ryanair und wünschen Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt.“

Ich hörte mich selbst hysterisch lachen.

Übung 4 – Der Beginn der Geschichte war vorgegeben und wir sollten die Idee weiterentwickeln.

Niemand sprach sie an…

Das junge Mädchen lächelte sie an. Greta tank durstig, begleitet von dem Lächeln des Mädchens. Es fühlte sich gut an, wenigsten von einem Menschen beachtet zu werden, in diesem übervollen Raum. Überall schnatternde Menschen, die sich über Themen unterhielten, von denen sie nichts verstand. Etwas von Bewusstsein und Spaltung und Hochladen und Clouds und KIs und weiß der Geier was noch. Greg wusste Bescheid, Greg konnte mitreden. Greg war ja furchtbar klug.

Er hatte sie überredet, zu dieser Party zu gehen, weil es sich schickte. Es schickte sich für ihn, den großen Wissenschaftler, mit einer hübschen, vielversprechenden Doktorandin am Arm den übervollen Raum zu betreten. Mit den schnatternden Menschen… na gut, sie war keine echte Doktorandin, aber das konnte ja alle noch kommen, nicht wahr? Mit Gregs Unterstützung…

Plötzlich standen alle um sie. All diese schnatternden Menschen aus diesem übervollen Raum. Sahen sie erwartungsvoll an. Greta wollte etwas fragen, etwas sagen, aber kein Wort kam über ihre Lippen. Sie versuchte, sich zu bewegen, blieb aber wie festgetackert in Raum und Zeit, egal wie sehr sie es versuchte.

„Mit dem Upload stimmt etwas nicht“, sagte jemand. Etwas piepte. In Gretas Brust zog es plötzlich unangenehm.

„Wir verlieren sie!“, rief Greg. „Spannung erhöhen. Uploadgeschwindigkeit etwas drosseln.“

Das Piepen wurde lauter, der Schmerz in ihrer Brust stärker. Greta wollte schreien, sich winden, sich befreien von dieser unsichtbaren Macht, die ihr die Stimme nahm und sie im eisernen Griff fest gefangen hielt.

Zwei Tage vor Weihnachten gaben die Eltern von Greta Heisch eine Vermisstenanzeige auf, sahen ihre Tochter aber nie wieder heimkehrend. Auch die Polizei fand nie eine Spur von ihr. Außer einem letzten, verzerrten und verpixelten Bild auf dem Zentralcomputer der Genfer Universität verlor sich Gretas Spur für immer.

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