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Der Schneesturm tobte um mich herum. Ich fluchte, denn meine Schritte wurden schwer, der Wald immer dichter und der Wanderweg verschwamm mehr und mehr vor meinen Augen. Mal wieder hatten die Wetterapps eine falsche Prognose abgegeben. Wobei? Waren die Prognosen falsch oder einfach nur verspätet? Der Sturm hatte um einige Stunden früher eingesetzt als vorhergesagt, mich damit überrascht und in eine brenzlige Lage gebracht. Wenn ich die Hütte nicht rechtzeitig erreichte, sah ich schwarz für mich.

Angst!

Ich hatte Angst!

Angst um mein Leben.

Ein derartiges Gefühl war mir bis heute völlig unbekannt gewesen. Angst um das eigene Leben zu haben, war nichts, womit man im modernen Deutschland tagtäglich konfrontiert wurde. Ich fühlte, wie mein Körper die letzten Kräfte mobilisierte, wie er sich aufbäumte. Gegen die Kälte. Gegen die Erschöpfung. Gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Dann – endlich! In der Ferne! Zwischen den Bäumen brannte ein Licht.

Ich kniff die Augen zusammen. Bildete ich mir das nur ein oder war dort wahrhaftig ein Licht zu sehen? Doch der helle Punkt in der Ferne blieb hartnäckig und flackerte immer wieder auf, wenn ich, dem Weg folgend, um eine Kurve bog. Es war dort. Kein Zweifel.

Die Hütte war zum Greifen nah und sie war meine Rettung, denn ich konnte mittlerweile kaum noch meine Beine spüren. Auch meine Hände waren auf den Riemen des Rucksacks beinahe festgefroren. Ich beschleunigte meine Schritte, dem Licht entgegen und trat mit allerletzter Kraft auf die Hütte zu. Sie wirkte warm, einladend und freundlich.

Ich klopfte schwach und befürchtete fast, nicht gehört zu werden, denn mehr als ein hilfloses Quieken brachte ich kaum noch über die Lippen.

Doch die Tür öffnete sich schwungvoll und eine Frau mittleren Alters starrte mich entsetzt an. „Gütiger Himmel, wo kommen Sie jetzt noch her?“

„Ich – ich habe mich im Wetter getäuscht“, flüsterte ich.

Sie zog mich mit einer resoluten Bewegung in die Hütte. „Kommen Sie sofort rein und setzten Sie sich am Kamin. Ich bringe Ihnen warmen Tee und koche schnell die Suppe auf.“

„B-b-bitte keine Umstände.“ Ich sprach abgehakt, denn ich zitterte heftig.

„Nichts da! Nichts da!“, rief sie, während sie mir den Rucksack von den Schultern streifte. Ich fühlte mich wesentlich leichter und konnte mir nicht ganz erklären, warum ich in meiner Not nicht auf den Rucksack verzichtet hatte? Da war nichts Überlebenswichtiges drin und hatte mir mit seinem Gewicht nur die Kraft geraubt.

„Setzten Sie sich! Setzen Sie sich!“ Die Frau schubste mich vor den Kamin, der unverhältnismäßig groß in der kleinen Hütte wirkte. Wohlige Wärme umfing mich und ich spürte sofort, wie meine Wangen zu glühen begannen. Kommentarlos ließ ich mich in einem der antiken Sessel fallen, während die Hüttenwirtin eine dicke Decke hervorzauberte und sie mir überwarf. Ich schämte mich fast um das ganze Aufheben, das sie um mich machte.

„Tee und Suppe kommen gleich“, sagte sie. „Ich bin übrigens Mathilde.“

Ich musste laut niesen. „Gregor“, brachte ich zwischen lautes Niesen hervor.

Mathilde machte sich in einer kleinen Küche, die vom Wohnzimmer lediglich durch eine Theke getrennt war, zu schaffen. Sie setzte einen großen Teekessel auf den Herd und holte aus dem Kühlschrank einen riesigen Topf hervor.

„Bitte, keine Umstände“, sagte ich wieder schwach.

„Es sind keine Umstände“, zwitscherte sie fröhlich. „Ich erwarte noch Gäste und sie brauchen den Tee und die Suppe auch zur Stärkung für die Weiterfahrt.“

Ich warf einen Blick nach draußen in den Schneesturm. Sie erwartete jetzt noch Gäste? Und sie wollten Weiterfahren? „Ist das nicht gefährlich dort draußen?“, fragte ich.

„Für den Weihnachtsmann doch nicht“, sagte Mathilde mit einer Selbstverständlichkeit, als ob ich ein begriffsstutziges Kind wäre.

„Der Weihnachtsmann?“, fragte ich verblüfft.

„Sicher. Er kommt jedes Jahr hier vorbei und stärkt sich mit einer Suppe und einem guten Tee, bevor er weiter nach Norden fährt.“

„Aha.“ Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte.

„Och! Ich muss für die Renntiere noch die Karotten holen. Entschuldigen Sie mich!“ Ich sah ihr hinterher, als sie in eine winzige Vorratskammer verschwand und mit einem dicken Bündel frischer Karotten zurückkam. „Rudolph mag sie besonders gern.“

„Rudolph. Verstehe.“

Bevor ich mehr sagen konnte, klopfte es laut. Mathilde stieß einen Freudeschrei aus und raste zur Tür, die sie schwungvoll öffnete. Umgeben von tanzenden Schneeflocken, in einem dicken roten Mantel mit weißem Kragen, der warmen Mütze mit dem weißen Bommel und schwarze Stiefel stand der Weihnachtsmann wahrhaftig im Türrahmen. Durch die Öffnung konnte ich Renntiere und einen gigantischen Schlitten mit einem riesigen roten Sack sehen. Das erste Rentier – das Leittier – hatte eine leuchtend rote Nase.

„Hohoho!“, rief der Weihnachtsmann fröhlich. „Guten Abend Mathilde!“ Zwei Wichtel liefen an ihn vorbei in die Hütte.

„Guten Abend Weihnachtsmann“, sagte Mathilde lachend. „Guten Abend Tomte, guten Abend Merle.“

Die beiden Wichtel lächelten, nahmen ihre Mützen vom Kopf und verneigten sich formvollendet vor Mathilde.

„Eure Suppe steht schon bereit“, sagte sie. „Ihr müsst sie dieses Jahr aber mit Gregor teilen. Er ist hier gestrandet.“

Der Weihnachtsmann trat durch die Tür und wirkte in der kleinen Hütte, neben den Wichteln und Mathilde wie ein Riese, der die Welt beherrscht. Seine Ausstrahlung raubte mir den Atem. Die Atmosphäre wurde von Magie gefüllt. Er kam zu mir und setzte sich im benachbarten Sessel. „Du hast dich verirrt?“, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. Konnte nicht aufhören, ihn mit offenem Mund anzustarren. „Ich habe das Wetter unterschätzt und dachte, ich erreiche die Hütte noch vor dem Sturm.“

„Ja, das passiert in diesen Breitengraden oft.“

Mathilde reichte mir und dem Weihnachtsmann eine große, hölzerne Schüssel mit dicker Suppe und jeweils eine Tasse dampfenden Tees. Die Wichtel setzten sich an die Küchentheke und löffelten ihre Suppe schweigend, aber lächelnd. Ihr Blick ruhte mitleidig auf mich.

„Ich geh die Renntiere füttern“, sagte Mathilde und verschwand durch die Tür.

„Aber Rudolph bitte nicht wieder überfüttern, ja?“, rief ihr der Weihnachtsmann hinterher. „Wir haben noch eine lange Nacht vor uns.“

„Du bist doch nicht wirklich der Weihnachtsmann!“, platzte es aus mir heraus.

„Natürlich bin ich nicht der Weihnachtsmann, Gregor.“ Er legte seine Suppenschüssel auf den Tisch zwischen unseren Sesseln. „Den Weihnachtsmann gibt es nicht.“

„Mathilde scheint sehr überzeugt zu sein“, sagte ich und musste lachen.

„Mathilde – ja“, sagte der Weihnachtsmann bedächtig. „Hieß nicht eine deiner Großmütter Mathilde?“

„Woher weißt du das?“, fragte ich verblüfft.

„Auch Mathilde gibt es nicht, Gregor. Nichts von dem hier gibt es wirklich. Es gibt den Weihnachtsmann nicht. Keine Wichtel. Keine Renntiere und keine Mathilde.“

Ich sah den Weihnachtsmann mit großen Augen an. „Was soll das heißen?“

„Auch die Hütte gibt es nicht, Gregor“, setzte er fort. „Nichts von alldem gibt es wirklich.“ Der Weihnachtsmann sah mich direkt an und wurde übergroß, während die Hütte immer kleiner wurde. Der Raum schrumpfte zusammen. Der Weihnachtsmann ragte über mir, sein Lächeln zu einem Grinsen verzogen. „Du stirbst, Gregor. Du erfrierst gerade im Wald. Du hast es nie zur Hütte geschafft. Du liegst im Schnee und erfrierst.“

„Wer? Wer bist du?“ Ich schrie. Schrie ich wirklich?

„Ein Fantasiegebilde. Dein Gehirn, das versucht, dir zu sagen, dass nichts von alledem hier real ist. Du träumst, während du stirbst. Der Weihnachtsmann ist nicht real. Deine Großmutter Mathilde ist nicht real. Die Renntiere und die Wichtel sind nicht real. Die Hütte, die Suppe, der Tee und die Decke sind nicht real. Wach auf, Gregor! WACH AUF!“

Ich stieß zurück. Schrie auf! Wollte aufstehen, fühlte aber meine Beine nicht. Mir war warm. Schrecklich warm. Das Feuer war zu nah und verbrannte meine Haut. Der Weihnachtsmann ragte immer noch über mir, seine schwarzen Augen sahen mir bis in die Seele. „Wach auf! Wach auf!“

***

„Herr Schneider! Herr Schneider! Ruhig! Sie sind in Sicherheit!“

Jemand drückte mich sanft zurück. Ich spürte Hände an mir. Etwas, das sich wie ein Bett anfühlte, aber schwankte. Mir war kalt. Sehr kalt.

„Man hat sie von der Berghütte aus gesehen“, sagte der Mann über mir. „Wir sind wohl noch rechtzeitig gekommen.“

„Die Hütte?“ Ich hatte Mühe, meine Gedanken zusammenzuhalten. „Mit dem Weihnachtsmann?“

„Tut mir leid, Herr Schneider“, sagte der Mann und lächelte mich milde an. „Mit dem Weihnachtsmann kann ich nicht dienen, aber mit einem schnellen Flug ins Krankenhaus und vermutlich mit einigen Erfrierungen, aber das müssen die Ärzte klären.“

Langsam begann ich die Welt um mich wieder richtig wahrzunehmen. Ich war auf einer Lichtung im Wald, umgeben von Menschen. Der Sturm hatte sich gelegt, doch es schneite noch ruhig, mit großen, beeindruckenden Flocken. Ich erkannte einen Hubschrauber und registrierte endlich, dass der Mann neben mir Rettungssanitäter war. Mit einem lang gezogenen Pfiff begannen die Rotoren des Hubschraubers sich zu drehen.

Ich seufzte, lehnte mich auf die Trage zurück und zog die Thermodecke bis unters Kinn. Die Rettungssanitäter hievten mich in den Hubschrauber und wir hoben ab.

Ende

In diesem Sinne meine Lieben, wünsche ich euch frohe Weihnachten, eine schöne Zeit mit eurer Familie und euren Freunden und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2026 🥳

Die Geschichte könnt ihr gerne hier herunterladen:

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