Ich starre auf den Affen, der ein Instrument in der Hand hält. Ich kann nicht sagen, was er spielt und warum er spielt. Warum sollte mir das helfen? Ich bin krank. Sehr krank. Ich sehe es an meinen Eltern, die sich Sorgen machen und mit flüsternden Stimmen um mich herumlaufen. Dennoch, wenn ich sie ansehe, lächeln sie mir zuversichtlich zu und erzählen mir, dass ich in einigen Tagen beim Nilfest immer noch die Lilienkrone tragen und den Pharao begrüßen werde. Ich weiß aber, dass es nicht mehr dazu kommen wird. Ich werde diese Bettstatt nie wieder verlassen. Ich spüre es in meinen Knochen, die schmerzen wie tausend Nadeln, die in meinen kleinen Körper geschlagen werden. Ich spüre es in den erschrockenen Blicken meiner Verwandten, ich merke es in den verstohlenen Trippelschritten meiner Geschwister, die mich nicht besuchen dürfen, es sich aber nicht nehmen lassen, einen Blick durch die geschlossenen, im Wind wehenden Gardinen zu werfen.
Die weise Frau beugt sich über mich. „Shanaia“, flüstert sie mir zu. „Sieh auf den Affen.“
Ich hebe mühsam den Blick. Die hell leuchtende Sonne Ägyptens brennt in meinen Augen. „Sieh auf den Affen!“ Ich versuche, mich zu konzentrieren. Meine Eltern sagten, die weise Frau wird mir helfen, mich leiten – mich geleiten. Wohin sagen sie mir nicht, aber ich weiß es ist das Reich der Toten, wo mich der Bote über den Fluss in das Reich Osiris tragen wird.
„Vertraue mir, Shanaia“, flüstert die weise Frau mir erneut zu. Ihre Stimme lullt mich ein. Meine Augen brennen mehr und mehr, ich sehe nur den Affen, der eine Gitarre spielt. Woher weiß ich, dass es eine Gitarre ist?
„Lass dich tragen, Shanaia“, sagt die warme, freundliche Stimme. „Vertrau mir.“
Ich sehe den Affen, der größer und kleiner, schmaler und breiter wird. Ich spüre die Sonne warm auf meiner Haut und der Schmerz in meinem Körper lässt nach. Eine Welle der Erleichterung – ich konzentriere mich noch mehr auf den Affen. Der immer größer und größer wird…
Bin ich eingeschlafen? Wo bin ich? Ich sehe mich verwundert um. Die Ruinen des Tempels erheben sich überall um mich herum. Der Affe spielt auf dem verfallenen Fresko immer noch seine Gitarre. Er ist kaum noch zu sehen.
Über meinem Kopf dröhnt es. Ich sehe nach oben – wieder brennt es in meinen Augen und spült die Erinnerungen an das Nilfest und dem Pharao wieder in mein Gedächtnis. Ich habe das Nilfest nicht mehr erlebt und den Pharao nie gesehen. Aber ich sehe jetzt ein Flugzeug am Himmel und weiß, dass ich damals nicht ins Reich Osiris gereist bin.
Ich lächle den Affen an. Ja, die weise Frau hatte Recht – ich musste ihr nur vertrauen. „Danke!“, sage ich leise. Über die Jahrtausende hinweg höre ich sie lachen.
Ende
Ihr könnt die Geschichte auch über den Download-Button herunterladen 😊 Übrigens… ich freue mich immer über Feedback 😉 (nur, wenn ihr Zeit und Lust habt).