Bei der letzten Schreibwerkstatt hatten wir zwei Übungen, die mich richtig herausgefordert haben 😁 Es hat wirklich eine Menge Spaß gemacht. Warum? Nun, es hatte mit Gedichten zu tun und ich bin so gar kein Gedichts-Typ. Ich kann sie weder schreiben, noch habe ich besonders viel Interesse daran, Gedichte zu lesen. Ist einfach irgendwie nicht meins.
Ich habe aber bei diesen Übungen festgestellt, wie wichtig es ist, manchmal aus der eigenen Komfort-Zone herauszukommen. Es war ein Feuerwerk im Gehirn und hat echt Spaß gemacht.
Aber genug der langen Rede… hier sind die Übungen und die Resultate.
Übung 1: Schreibe ein Pantun
Ich wusste auch nicht, was ein Pantun ist, daher verlinke ich euch hier die Erklärung: Wikipedia-Link Man lernt im Grunde genommen nie aus.
Es hat ein wenig gedauert, bis alle verstanden hatten, was zu tun ist, aber schließlich ging es los. Ich hatte so gar keine Idee – wie gesagt, Gedichte sind nicht so meins – daher habe ich mich entschieden, darüber zu schreiben und zu dichten, dass ich keine Ahnung habe, was ich schreiben bzw. dichten soll. Das kam dabei heraus (die Tabellenform ist notwendig, weil sich die Zeilen bzw. Versen in einer gewissen, vorher festgelegten Reihenfolge wiederholen müssen. Die Zahlen vor den Versen sind wichtig):
| 1 | Ein Gedicht als Gedicht |
| 2 | Einfallslos im Angesicht |
| 3 | Der ungeübten kreativen Übung |
| 4 | Ist aber des Schicksals Fügung |
| 2 | Einfallslos im Angesicht |
| 5 | Nichts Gescheites weiß ich nicht |
| 4 | Ist aber des Schicksals Fügung |
| 6 | Mann, ich hasse diese Übung |
| 5 | Nichts Gescheites weiß ich nicht |
| 7 | Fragend starre ich ins Licht |
| 6 | Mann, ich hasse diese Übung |
| 8 | Meine größte Herausforderung |
| 7 | Fragend starre ich ins Licht |
| 9 | Ausgerechnet ein Gedicht |
| 8 | Meine größte Herausforderung |
| 10 | Alles reimt sich auf -icht und -ung |
| 9 | Ausgerechnet ein Gedicht |
| 11 | Mein Talent gehört der Prosa |
| 10 | Alles reimt sich auf -icht und -ung |
| 12 | In der Welt ist alles rosa |
| 11 | Mein Talent gehört der Prosa |
| 1 | Ein Gedicht als Gedicht |
| 12 | In der Welt ist alles rosa |
| 3 | Der ungeübten kreativen Übung |
Ist es die größte Meisterleistung aller Zeiten? Bestimmt nicht 😉 Aber es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht, etwas aufs Papier zu bringen, was mir überhaupt nicht liegt. Zuerst wollte ich die Übung überspringen, aber dann dachte ich: warum? Ist alles nur ein Spaß und mal was ganz anderes.
Meine Empfehlung: probiert es ruhig aus… Aus der Komfortzone rauszukommen, ist manchmal befreiend.
Übung 2: Unterhaltet euch mit einem Freund oder einer Freundin darüber unterhalten, wie sehr wir Pantuns liebt oder hasst.
Okay, diese Übung habe ich ein wenig freier interpretiert. Es ist nicht direkt ein Dialog, aber es hat auf jeden Fall den Kern der Übung getroffen – denke ich mal 😈
Mein Text:
Lasst mich kurz erklären, wie das kam, dass ich hier sitze. Wo ist hier? Na, im Gefängnis, dumme Frage! Warum sollte ich sonst Gittern an den Fenstern und eine verriegelte Tür haben? Weil ich meine Privatsphäre so liebe? Dann würde ich zumindest dafür sorgen, dass die Tür nach Außen aufgeht und meine penetrante Nachbarin Gitta mit ihren ständigen Schokoladenkuchen nicht mehr durchs Fenster greifen kann.
Aaber ich schweife ab…
Also, wie bin ich hier gelandet? Also im Gefängnis meine ich. Nun, ich habe meinen Mitbewohner aus dem Fenster geworfen. Unglücklicherweise nicht aus unserem Fenster in der Erdgeschosswohnung, sondern aus dem Fenster des Sky-View-Restaurants in Dubai. Wir waren im 115en Stock. Das – hat er leider nicht überlebt.
Ich war zwar äußerst erstaunt, dass er an einem Stück auf dem Boden lag, doch er war eindeutig nicht mehr von dieser Welt. Habe ich ein wenig überreagiert? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.
Ich meine, die letzten fünf Monaten ist er mit seiner Pantun-Schreiberei dauernd auf den Keks gegangen. Wir beide hatten den Traum, große und berühmte Schriftsteller zu werden – er mit Prosatexten, ich mit Gedichten. Ich konnte es gut – er nicht.
Während ich kleinere Erfolge feiern konnte, kam mein ehemals guter Freund und Mitbewohner kein Stück weiter. Und nach einem Abend mit zu viel Alkohol habe ich den Fehler gemacht, ihm eine Schreibübung vorzustellen, die spielerisch aus dem Verfassen eines Pantuns bestand. Wir haben uns wieder und wieder und wieder an diese Übung versucht, bis nur noch Kauderwelsch herauskam. Hatten unseren Spaß. Gingen zu Bett. Fertig.
Denkste!
Mein Freund und Mitbewohner fixierte sich darauf, ab sofort nur noch Pantuns zu schreiben. Er fand sich darin herausragend gut. Dabei war er mehr als nur grottenschlecht. Hat grottenschlecht eigentlich eine Steigerung? Gröttlicher als grottenschlecht? Grotesk? Ich schweife wieder ab…
Er steigerte sich in seinen Wahn – setzte einen Blog auf, meldete sich erst bei seinem Job krank, dann folgte die Kündigung. Er wollte nichts mehr anderes machen. Und ich? Ich war sein Versuchskaninchen. Von morgens bis abends las er mir seine Karikaturen von Gedichten vor. Gröttlicher – wie gesagt. Am Anfang war ich höflich und lächelte gequält, aber aufmunternd. Übung macht den Meister, ihr wisst schon. Aber nein! Nicht in diesem Fall, er wurde stattdessen einfach nur schneller.
Als er dann anfing, mich auch noch nachts zu wecken, um mir Pantuns vorzulesen, hatte ich fast mein Limit erreicht. Ich buchte eine Reise an einen entfernten Ort, von dem ich wusste, dass er ihn hasst – zu heiß, zu sandig, zu sonnig – wie auch immer. Ich flog nach Dubai und hoffte bei meiner Rückkehr das dringend notwendige Gespräch zu führen. Er musste raus aus der Wohnung. Ich war ja der Hauptmieter.
Ich hatte genau zwei Tage Zeit, um mich zu erholen, als er überraschend im Sky-View-Restaurant auftauchte und strahlend mit einem Blatt Papier auf mich zulief. Ich wusste, was draufstand. Es war das Ende der Reise. Für uns beide.
Denn ich, ich sitze jetzt in einem Gefängnis in Dubai und warte auf die Überführung nach Deutschland und er – nun, ich weiß nicht genau, wie schnell er vom Boden aufgekratzt und aufgebahrt werden kann, aber er wird mit Sicherheit nie wieder ein Pantun schreiben.
Aber vielleicht schreibe ich ein Pantun. Über einen alten Freund, der in Dubai fliegen lernte.
