Okay, der Titel klingt reichlich verwirrend, ich weiß 😉 Doch die Übungen, die wir letztens in der Schreibgruppe bearbeitet haben, zielten alle auf eine dystopische Welt, weit weit in der Zukunft.

Wobei… sind es wirklich distopysche Welten oder ist nur meine Kreativität so gepolt, dass sie immer nur das verdrehte, verzerrte, verdorrte sieht? Ich bin mir da nicht sicher, was davon zutrifft. Ich lasse euch mal entscheiden 😁 Sagt mir gerne, ob ihr die Übungen auch mal selbst ausprobiert habt. Für mich ist jede Übung ein kleiner Schritt zu einer besseren Schreibweise. Ich lerne jedes Mal dazu. Wie immer sind die Texte im „Rohzustand“, wie sie in der Werkstatt entstanden sind. Ich habe nichts daran geändert.

Übung 1: Durch eine Gentherapie können sich Menschen von Wasser und Licht (durch Photosynthese) ernähren. Schreibe eine kurze Geschichte dazu.

Das war eine sehr interessante Aufgabe, die mich echt vor Herausforderungen gestellt hat. Erst dachte ich, das wird nix, aber schließlich schrieb ich doch recht viel.

Der Text

„Liebes Tagebuch, es ist Tag 3 nach der Gentherapie und es geht mir gut. Ich habe keinen Hunger mehr, keine Gelüste, keine Sonderwünsche und werfe auch keine neidischen – bisweilen hasserfüllten – Blicke auf Menschen, die sich deutlich mehr Nahrung hatten leisten können. Aber bei zwanzig Milliarden Menschen auf der Welt konnten nun mal nicht alle ernährt werden und einige kamen halt zu kurz – wie etwa ich.

Ich kannte bis zur Therapie kein anderes Gefühl, als Hunger. Erstaunlich, dass ich überhaupt erwachsen werden konnte. Wenn auch klein uns schmächtig, ich bin zumindest am Leben. Was viele Millionen andere nicht von sich behaupten können.

Nach der Therapie geht es mir gut. Ich stelle mich in die Sonne, trinke ein Glas Wasser und der Hunger verschwindet. Wie durch Zauberhand.

Liebes Tagebuch, es ist jetzt ein Monat nach der Gentherapie und es geht mir nach wie vor gut. Ich bereue keinen Augenblick den Tod meiner armen Eltern. Ohne ihr Ableben wäre ich nie an das bescheidene Erbe gekommen, die mir die Gentherapie ermöglicht hat. Der Hungere treibt manchmal schon seine besonderen Blüten.

Aber, liebes Tagebuch, sie haben nicht gelitten. Eine Kohlenmonoxid-Vergiftung ist schmerzlos. Sie sind einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Jetzt fühlen sie keinen Hunger mehr. Nie wieder Hunger. Genau wie ich.

Ich bin nur manchmal etwas durstig…

Liebes Tagebuch, ein halbes Jahr nach der Gentherapie geht es mir etwas weniger gut, als zu Beginn. Ich sage bewusst weniger gut, weil ich immer noch glücklich und nicht hungrig bin. Das ist der springende Punkt. Ich kann mich jetzt viel besser auf die Arbeit – ich wurde deshalb bereits befördert und auf meine Freundin – vielleicht gründen wir bald eine Familie konzentrieren.

Nur der Durst ist manchmal ein wenig anstrengend. Aber ich muss nur zusehen, dass ich meine Wasserrationen nicht überspringe oder vergesse – und manchmal darf ich nicht mehr so viel Sonnenbaden – dann ist alles perfekt.

Liebes Tagebuch, ein Jahr nach der Gentherapier geht es mir sehr schlecht. Ich habe immer viel Durst und egal wie viel ich trinke, der Durst geht nie weg. Niemals. Niemals. Niemals. Der Durst ist schlimmer, als der Hunger. Viel schlimmer.

Ich musste meine Sonnenstunden reduzieren, weil die Photosynthese viel zu viel Flüssigkeit verbraucht hat und jetzt habe ich auch wieder Hunger.

Durst.

Hunger.

Hunger.

Durst.

Ein Teufelskreis.

Liebes Tagebuch, zwei Jahre nach der Gentherapie. Ich kann kaum noch schreiben und kaum noch den Stift halten. Mein ganzer Körper versteift sich. Eine Nebenwirkung der Gentherapie, die mittlerweile bei über 80% der Patienten auftritt. Wir verwandeln und in Bäume. Alle. Wir alle werden zu Bäumen.

Ich habe Durst.

Und ich habe Hunger. Liebes Tagebuch, drei Jahre nach der Gentherapie ist mein Freund zu einer prächtigen Birke herangewachsen. Ich habe ihn im Garten gepflanzt, gleich neben den Gräber, in denen er die Leichen seiner Eltern verscharrt hat.“

Ende

Übung 2: Beschreibt eine Welt, in der ein Gefühl verschwindet
Ein Gefühl? Öhm… okay… ich wollte kein gängiges Gefühl nehmen, wie Liebe oder Hass. Ich fand, diese Gefühle sind am einfachsten zu berschreiben und auch in eine Übung dieser Art einzubauen. Daher nahm ich ein anderes Gefühl – vielleicht könnt ihr erraten, welches Gefühl das ist, bevor der Text zu Ende geht (es wird unten im Text verraten).

Der Text

„Ein Käfer landete auf dem Blatt. Es war ein schwarzer Käfer mit roten Flügeln und schwarzen Punkten. Es vergrub seine Fühler in das Blatt, das aber kein Blatt war, sondern eine gelbe Blume, mit einer dicken gelben Staubschicht obendrauf. Staubschicht? Hieß das Staubschicht? Jonas konnte sich das nicht vorstellen. Staub war grau und legte sich trist auf die Möbel im Haus. Dieser Staub auf der Blume war – wie hieß eigentlich diese Blume? Man nannte sie nur Blumen. Alle. Alle Pflanzen in seiner Welt waren entweder Bäume, Sträucher oder Blumen.

Alles Bunte war eine Blume.

Niemand hatte sich je die Mühe gemacht, sie voneinander zu unterscheiden. Aber diese Blume – Jonas sah sich um – diese Blume war gelb und strahlte hell und dieser Staub war – nun, offenbar war er lecker, denn der kleine Käfer versenkte seinen Rüssel darin und trank gierig.

„Mama? Wie heißt diese Blume?“

„Blume“, sagte seine Mutter tonlos.

„Ja, das weiß ich. Aber wie heißt diese einzelne Blume? Sie ist so schön gelb und ganz anders als die roten, blauen und weißen in unserem Garten.“

„Es sind Blumen. Komm weg da.“ Seine Mutter zerrte ihn von der Blume weg, ohne auf sein wütendes Weinen zu hören.

So reagierten alle, besonders die Erwachsenen, wenn er Fragen stellte. Fragen über die Welt und über Einzelheiten, die sonst niemanden zu interessieren schien. Immer, wenn er spezifische Fragen stellte, wurde er weggezerrt.

„Warum ist die Sonne warm und der Mond kalt? Warum schlägt das Meer hohe Wellen, der See aber nicht? Warum verschwinden einige Vögel im Winter und erscheinen wieder im Sommer. Warum…“ Jonas! Hör auf zu fragen! Es war die einzige Antwort, die er bekam. Emotionslos, desinteressiert.

Er war zehn, als die immer gleichen, monotonen Antworten auf seine Fragen ihm nicht mehr genügten. Jonas durchforstete das Internet – bekam keine Antworten. Blumen waren Blumen und das Meer schlug hohe Wellen, weil es eben das Meer war und es sich so gehörte.

Frustriert lernte Jonas mit der Zeit die tiefsten Winkel des Internets zu durchforsten auf der Suche nach Antworten. Bis er eines Tages – er war fast zwanzig Jahre alt und hatte gelernt, Sperren zu umgehen – auf etwas stieß, das wohl Lexikon hieß und in den alten verlassenen Bibliotheken vor sich hin vergammelten.

Es brauchte weitere zehn Jahre seines Lebens, bis er eine alte Bibliothek, halb verfallen und völlig verstaub, gefunden hatte. Er betrat vorsichtig das fragil aussehende Gebäude und schlich sich durch die Dunkelheit durch verlassene Korridore.

Jonas suchte – suchte wieder lange in der riesigen Bibliothek, doch eines Tages fand er sie. Die Lexika. Schön aufgereiht in Reih und Glied, bereit gelesen zu werden. Jonas gluckste vor Freude, nahm das erste Buch in der Hand und begann wahllos zu lesen.

Er fand seine gelbe Blume – Löwenzahn – und der roten Käfer – Marienkäfer. Weinen setzte er sich auf den staubigen, quietschenden Boden mit dem Lexikon in den Händen und las und las.

„Junge, komm, du musst was essen und dich ausruhen, du hattest bestimmt einen langen Weg.“ Ein älterer Mann beugte sich zu ihm hinab. „Der Lexikon wird später auch noch da sein.“

„Was? Was ist nur mit mir los?“ Nicht einmal jetzt konnte Jonas aufhören, Fragen zu stellen.

„Du hast ein längst vergessenes Gefühl in dir – ein Residuum der alten Zeiten“, sagte der Alte lächelnd.

„Und das wäre?“ „Neugierde, mein junger Freund, das Gefühl heißt Neugierde.“

Ende

Das waren beide Übungen meiner letzten Schreibsession. Ich finde, ich lerne bei jeder Schreibwerkstatt ein wenig mehr über das Handwerk des Schreibens, besonders wenn ich die anderen Texte meiner Mitautorinnen und Mitautoren höre. Der Austausch ist ungemein hilfreich 🤗

Hinweis: ich habe die Bilder mit einer KI generiert und ich habe meine Texte als Grundlage genommen. Ich finde sie richtig schön und sehr gut passend zu meinen Geschichten.

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